DATEV Magazin

1.4.2005

Factoring - Offene Forderungen zu Geld machen
Von Bodo Kibgies (Vorstand Vertrieb und Marketing der atevis Aktiengesellschaft, Mainhausen)

„Von Kunden in Anspruch genommene Zahlungsziele sind Kredite an diese“, sagt Steuerberaterin Hiltrud Heydt. Factoring kann Abhilfe schaffen.

„Bei etwa 39.600 Insolvenzen 2004 ist die Absicherung für manches Unternehmen überlebenswichtig.“

DAS ERGEBNIS: „Eine massive Belastung der Liquidität der Mandanten“, so die geschäftsführende Gesellschafterin der Kontreu Steuerberatungsgesellschaft aus Aschaffenburg. „Kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland gehören mit dem Lieferantenkredit zu den größten Kreditgebern.“ Das Problem ist bekannt. Gerade Unternehmen, die mit innovativen Produkten expandieren könnten, benötigen für dieses Ziel zusätzliche Finanzmittel, um das Wachstum zu finanzieren.

Mehrumsatz lässt die Forderungsbestände wachsen, bindet Liquidität und beschneidet nicht selten den finanziellen Handlungsspielraum des Unternehmens. „Aber auch gestandene und etablierte Unternehmen können durch verzögertes Zahlungsverhalten in Liquiditätsschwierigkeiten kommen. Es gibt Mandanten, die finanzieren das Geschäft ihrer Abnehmer. Es müsste den Unternehmen ein Instrument an die Hand gegeben werden, mit dem die Forderungsbestände reduziert und das Wachstum finanziert werden kann“, so Hiltrud Heydt.

Wirtschaftsfaktor Factoring
Unter Factoring versteht man den Verkauf
gewerblicher Forderungen aus Warenlieferungen
oder Dienstleistungen an eine Factoring-Bank oder an Institute, die auf das Forderungsmanagement spezialisiert sind.

Der Factoringmarkt hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. In Deutschland gibt es derzeit etwa 100 Factoring- Institute, die den Ankauf von Forderungen betreiben. Bei der Vielfalt der Anbieter und Factoringverfahren ergeben sich je nach Geschäftspolitik der jeweiligen Factoring-Institute auch Unterschiede hinsichtlich der gesuchten Unternehmen nach Branche und Umsatzgröße, um nur die zwei wichtigsten Kriterien zu nennen.

Wenn der passende Factor gefunden ist, lassen sich zukünftig entstehende Forderungen sofort – also noch vor ihrer Fälligkeit – in Liquidität umwandeln. Der Factor kauft die Forderungen (in der Regel 70 bis 90 Prozent des Rechnungsbetrages) an und überweist dem Unternehmen den Gegenwert – abzüglich einer Factoringgebühr.

Die Factoringgebühr wird individuell auf das anfragende Unternehmen kalkuliert und hängt von vielen Parametern, wie Branche, Umsatz, Forderungsbestand, Forderungslaufzeit, Anzahl der Debitoren, Anzahl der Rechnungen und durchschnittliche Rechnungsgröße ab.

Der Factor kauft in der Regel nur einredefreie und nicht gegenüber der Bank zur Sicherheit abgetretene Forderungen an. Mithilfe des Factoringrechners der atevis (www.factoring-rechner.de) können sich interessierte Unternehmen eine erste Indikation der möglichen Factoringkosten online, anonym und kostenlos geben lassen.

Echtes und offenes Factoring
Echtes Factoring bedeutet, dass der Factor mit Ankauf der Forderung auch das Ausfallrisiko (Delkredererisiko) der Forderungen durch Insolvenz übernimmt.

Bei etwa 39.600 Insolvenzen 2004 ist die Absicherung für manches Unternehmen überlebenswichtig. Insbesondere deshalb, weil man schätzt, dass in etwa jede dritte Insolvenz in Deutschland als so genannte Folgeinsolvenz auftritt. Die Abnahme dieses nicht kalkulierbaren Risikos durch den Factor ist existenziell, besonders wenn der größte Kunde betroffen ist. Bei der Übernahme des Ausfallrisikos gehen die gesamte Debitorenbuchhaltung, das Inkasso und Mahnwesen sowie die Rechtsverfolgung auf den Factor über. Durch professionelles Mahn- und Beitreibungswesen des Factors werden in der Regel die Forderungslaufzeiten verkürzt und durch die verkürzte Laufzeit auch Zinsen gespart.

Offenes Factoring bedeutet: Der Kunde muss den offenen Rechnungsbetrag an den Factor bezahlen. Dies wird in der Regel dem Debitor durch eine Anzeige auf der Rechnung angezeigt.

Bilanzielle Auswirkungen von Factoring
Zum einen scheiden die veräußerten Forderungen aus der Bilanz des Unternehmens aus; der Gegenwert (Veräußerungspreis) erhöht die Liquidität. Werden die liquiden Mittel verwendet, bestehende Verbindlichkeiten abzubauen, erhöht sich die Eigenkapitalbasis des Unternehmens, die bei Mittelständlern bekanntlich oft zu schwach ist. „Dies ist ein erheblicher Vorteil in Verhandlungen mit Banken und Sparkassen, die seit Basel II den Druck zur Eigenkapitalbildung in den Unternehmen erheblich verstärkt haben“, so Steuerberaterin Hiltrud Heydt. Durch den

Verkauf der Forderungen verbessert sich die Relation von Eigen- zu Fremdkapital und wirkt sich positiv auf das Rating der Bank oder Sparkasse aus. Dies kann zu einer günstigeren Gesamtfinanzierung bzw. Gesamtbeurteilung des Unternehmens durch das Kreditinstitut führen. Der Abbau von Verbindlichkeiten bringt in diesem Fall zudem steuerliche Vorteile, denn die gewerbesteuerliche Belastung wird infolge reduzierter Dauerschulden und Dauerschuldzinsen gemindert.

Voraussetzungen für Factoring
Factoring wird erst ab einem Jahresumsatz von 250.000 Euro und einer nicht zu großen Anzahl von Kunden interessant. Bei einer kleineren Summe und einer großen Kundenzahl stünde der Verwaltungsaufwand in keinem Verhältnis zur Kostenersparnis. Interessierte Unternehmen sollten mindestens einen Jahresabschluss mit positiven Kennzahlen vorlegen können. Insofern spielt die Bonität des Unternehmens eine gewichtige Rolle. Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass nur Unternehmen einen Factoringvertrag erhalten, die solide gearbeitet haben und für die Zukunft eine positive Unternehmensperspektive aufzeigen können.

Die vereinbarten Zahlungsziele sollten im Inland unter 90 Tagen, im Ausland unter 180 Tagen liegen. Natürlich spielt auch die Qualität der zum Verkauf stehenden Forderungen eine entscheidende Rolle. Für Factoring-Institute ist nicht der Factoringkunde „Kreditnehmer“, sondern der Forderungsschuldner.

Die vom Factor gekauften Forderungen werden bei einem Kreditversicherer rückversichert. Nur bei Zeichnung eines Limits wird die Forderung angekauft. Dies bedeutet einen Vorteil für die Unternehmen, die bereits eine Warenkreditversicherung im Hause haben, und die Debitoren durch den Warenkreditversicherer geprüft worden sind.

Neben dem Gesamtverkauf der Forderungen kann Factoring für bestimmte Bereiche oder Ausschnitte genutzt werden. Der Forderungsverkauf kann auch auf einen einzelnen Abnehmer oder eine einzelne Rechnung begrenzt werden.

„Bis ein Factoringvertrag umgesetzt ist, können durchaus vier Monate vergehen“, so Hiltrud Heydt. „Angenehm überrascht hat uns, dass sich die Zahlungsmoral der Kunden spürbar verbesserte, obwohl der Factor den Mahnrhythmus unseres Kunden eins zu eins übernommen hat. Auch haben sich zwischenzeitlich mehrere Kunden meines Mandanten erkundigt, wie sie selbst ihre Forderungen mittels Factoring finanzieren könnten. Sicherlich auch ein Anzeichen dafür, dass sich Factoring als Finanzierungsform mittlerweile auch in der deutschen Wirtschaft etabliert hat und akzeptiert wird.“

Fazit: Factoring kann heute ein wichtiger Baustein für die Finanzierung eines Unternehmens sein. Bei umsatzstarken oder schnell expandierenden Unternehmen lohnt es sich, diese Alternative zu prüfen. Factoring gewährt eine umsatzkongruente, hausbankunabhängige Finanzierung bei hundertprozentiger Sicherheit der verkauften Forderungen und eröffnet Unternehmen neue Spielräume neben bestehenden Finanzierungskonzepten.

Weitere Informationen
Ein Praxisleitfaden sowie eine Themen- u. Linksammlung zum Factoring können in LEXinform Wirtschaft unter der Dok.Nr. 2092796 abgerufen werden.

Den gesamten Artikel können Sie sich hier als pdf-Datei herunterladen bzw. ansehen

http://www.atevis.de